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05.06.2004: Strategien
Börsenrhythmen
Börsenweisheiten wie "Sell in May and go away" sind nicht so schlecht wie
ihr Ruf. Statistische Untersuchungen belegen, dass an den Aktienmärkten in den vergangenen 40
Jahren ein ausgeprägter Sommereffekt festzustellen ist. Diese Untersuchungen
bezogen sich auf Gesamtmärkte wie z.B. den DAX®. Bei einem Depot mit wenigen
Einzelaktien müssen die hier beschriebenen Effekte nicht zutreffen. Die Ausnutzung dieser
Börsenrhythmen beim Spekulieren mit Indexpapieren,
kann die Gewinne jedoch erheblich steigern.
Diese Abhandlung lehnt sich an Artikel
aus den
citigroup news> und an "4-Jahres-Wahlzyklen"
von www.seasonalcharts.com,
von Dr. Armin Schmitz und Dimitri Speck, an.
Weitere Quellen: The Halloween Effect,
Sven Bouman (ING), Ben Jacobson (Universität Amsterdam, 1999, Standard & Poor´s.
Der Sommereffekt
Es müssen nicht immer ausgeklügelte Systeme sein, mit denen Anleger
Gewinne machen können. Schon die Beachtung einfacher Börsenweisheiten lässt den Wert
des Aktiendepots steigen. Allerdings ist immer Vorsicht angebracht. Selbstverständliche
BÖrsenweisheiten kosten zuweilen viel Geld. "Kaufen Sie Aktien, und nehmen Sie ein
paar Schlaftabletten", lautete einer der Ratschläge von Börsenaltmeister
André Kostolany. Nicht viele Anleger werden älter als
90 Jahre und können jeden Aktienzyklus aussitzen. Anleger, die diesem Ratschlag in
den vergangenen Jahren gefolgt haben, haben die in den neunziger Jahren angehäuften
Gewinne oder ihre Altersversorgung teilweise oder gänzlich verloren.
Andere Börsenweisheiten wie das "Sell in May and go away"
lassen sich sogar statistisch untermauern und ohne großen Aufwand gewinnbringend
umsetzen. Entsprechend der Marktweisheit sollen die Börsengewinne in den Monaten
von November bis April höher sein als während der Periode von Mai bis Oktober.
Tatsächlich haben Wirtschaftshistoriker das in angloamerikanischen Ländern auch
als "Halloween Indicator" bekannte Phänomen bis in das Jahr 1694, also
der Anfangszeit der ersten Aktiengesellschaften wie die East India Company
zurückverfolgen können. Tatsächlich finden sich auch in Deutschland in den
Berichten der Berliner Börse im 19. Jahrhundert Berichte über die regelmäßige
sommerliche Flaute auf dem Parkett.
Dieser Kalendereffekt konzentriert sich erstaunlicherweise nicht nur
auf Europa oder Nordamerika, sondern er lässt sich in 36 von 37 Börsen von
Industrienationen und Emerging-Marktes-Aktienmärkten nachweisen. Lediglich in
Neuseeland ist die Performance im Sommer (dort ist Winter) höher als von November
bis Mai. Der Performanceunterschied zwischen den beiden Börsenperioden ist schon
bemerkenswert. Seit Mai 1945 sind die Aktien des S&P 500 zwischen November und
April um durchschnittlich 7,2 Prozent gestiegen. Ganz anders sieht das Ergebnis
zwischen den Monaten Mai und November aus. In den vergangenen fast 60 Jahren
konnten Anleger mit Aktien in den Sommermonaten lediglich 1,5 Prozent Gewinn
machen. Natürlich funktioniert diese Regel nicht immer. So konnten die Aktien im
vergangenen Jahr im Zeitraum von Mai bis Oktober 15 Prozent verdienen. 1997
legte der S&P 500 in den Sommermonaten 14 Prozent zu. Aber Standard &
Poor's hat herausgefunden, dass der S&P 500 in der Periode von November bis
April den Mai-Oktober-Zeitraum in siebzig Prozent der Fälle übertrumpfen konnte.
Chart: citigroup news> Untersucht man andere Zeiträume - sie müssen natürlich immer eine
relevante Größe haben -, ändern sich die Ergebnisse. Die Monate
August, September und Oktober sind in praktisch allen Zeiträumen schlecht. Zu ihnen
gesellen sich oft noch der Juni und selten der Mai. Der Juli kann sich beim DAX® immer sehen lassen.
Ähnliche Zahlen ergeben sich nach den Berechnungen auch für den
deutschen Aktienmarkt. Seit 1965 sind die deutschen Aktien im Zeitraum zwischen
November und April um 6,40 Prozent gestiegen. In den vergangenen 39 Jahren
verzeichnete der DAX® in den Sommermonaten ein Minus von 0,219 Prozent. Gründe für
diesen Effekt werden viele angegeben. Doch Untersuchungen zeigen keine Korrelationen
zum Januar-Effekt, den Börsen-Zusammenbrüchen 1929 oder 1987, der Saisonalität der
Dividendenzahlungen oder den variierenden Risikoprämien. Das Ausmaß des
"Sell-in-May-and-go-away-Effekts" korreliert am meisten zu der Länge und
der Terminierung der Sommerferien. Vor allem in Europa haben die Ferien einen
überraschend hohen saisonalen Effekt auf die Performance der Finanzmärkte. Er ist
so stark, als dass man ihn als Ursache für das geringe, schlechte Ergebnis im Mai bis
Oktober ignorieren könnte. Die geschickte Ausnutzung des "Halloween Effects",
also der Verkauf der Positionen im bis Ende Mai, dürfte dem Anleger theoretisch einen
Vorteil bringen. Tatsächlich zeigen Untersuchungen für Deutschland für den Zeitraum
von 1973 bis 1996 (Sven Bouman, Ben Jacobson), dass die Buy-and-Hold-Strategie
(Plus 8,99 Prozent) der Halloween-Strategie (Plus 10,84 Prozent) unterlegen ist.
Tatsächlich sollte der Anleger sein Depot Überprüfen, ob ein Verkauf einzelner
Werte nicht sinnvoller ist. als sie über das gesamte Jahr zu halten.
Der US-Präsidentenwahlzyklus
Wirklich unabhängig bewegt sich unser DAX® nicht. Oft ist ihm
die Börsenentwicklung in den USA wichtiger als die wirtschaftlichen
Ergebnisse seiner Mitglieder und die Konjunkturentwicklung in Deutschland. Aus diesem Grunde ist es für uns wichtig auch
den Effekt des US-Präsidentenwahljahres zu beachten,
den vierjährigen US-Präsidentenwahlzyklus. Dabei zeichnet sich das Wahljahr
(entspricht dem vierten Jahr) - 2004 ist ein solches Wahljahr - durch eine im
Mittel eher verhaltene erste Hälfte und eine sehr starke zweite Hälfte aus:
Chart: www.seasonalcharts.com Im letzten Jahrhundert stieg der Dow Jones Index im Schnitt um 7,5%,
wenn es sich um ein Präsidentenwahljahr handelte. In den Vorwahljahren schnitt er mit 9,3%
sogar noch besser ab. In den Nachwahljahren waren es hingegen lediglich 3,5%, in der
darauffolgenden Halbzeit nur 2,8%. Diese Anomalie zwischen der Börsenentwicklung und dem
Wahlzyklus gab es bereits im 19. Jahrhundert. Sie ist also statistisch gut fundiert.
Der Verlauf wichtiger Märkte in den USA ist davon abhängig,
ob es sich um Wahljahre handelt, oder um Jahre aus einer der drei übrigen Gruppen
(also ein -Nachwahljahr-, zwei -Halbzeit- oder drei Jahre -Vorwahljahr - nach der
Wahl). So steigen etwa Aktien in
Vorwahljahren überdurchschnittlich, sowie unmittelbar vor der Wahl. Die Gründe
für dieses Verhalten werden in der (Geld-)Politik vermutet. Steigende Aktien und
eine boomende Wirtschaft sollen den Wähler für die amtierende Regierung positiv
stimmen.
Nicht nur Aktien werden vom US-Wahlzyklus beeinflußt, sondern auch
Renten und Währungen. Die Dominanz des US-Kapitalmarktes läßt die
US-Präsidentenwahlzyklen sogar international wirksam werden, so daß sie z.B.
auch den deutschen Aktienmarkt beeinflussen.
In diesem Jahr hat der Dow Jones sowie der DAX® seit Jahresanfang
praktisch eine "Nullrunde" eingelegt, so dass die Implikation des
US-Präsidentenwahlzyklus, dass die erste Jahreshälfte verhalten verläuft,
bisher stimmt. Nach diesem Zyklus wäre auch im Mai und Juni
mit schwachen Kursen zu rechnen und erst ab Juli wieder mit steigenden, ja sogar
stark steigenden Kursen. Deutlich erkennbar ist der Widerspruch zwischen
dem typischen Verlauf in einem US-Wahljahr und der oben beschriebenen
klassischen Jahressaisonalität. Die Statistik ermöglicht eben viele Einsichten respektive
US-Präsidenten werden nur alle 4 jahre gewählt.
Schlussfolgerungen
Die hier beschriebenen Effekte beruhen sicherlich zum Teil auf Anomalien. Verfolgt eine
ausreichend große Gemeinde die Strategien, die auf diese Anomalien setzen,
werden die Effekte geringer werden respektive ganz verschwinden. Statistische Mittel bedeuten auch nicht, dass diese
Effekte immer auftreten. In der Praxis gibt es krasse Ausnahmen. Ein Anleger, der z. B.
in den vergangenen zwei Jahren den Sommereffekt nutzte, hat von November 2002 bis Mai 2003 große
Verluste realisiert um im anschließenden Sommer auf erhebliche Gewinne zu
verzichten. Auch schlossen zum Beispiel von den letzten 6 US-Präsidentenwahljahren
2 mit Verlust (1984 und 2000) ab. Große Ereignisse, wie z. B. Kriege, die einen Ausverkauf auslösen, nehmen
keine Rücksicht auf saisonale Effekte und sonstige Zyklen. Es gibt auch
Zeiträume, in denen man unabhängig von den Jahreszeiten, nicht in Aktien engagiert sein sollte.
Viele Spekulanten haben sicherlich noch nicht den Salamicrash, der in 2000 begann, vergessen.
Glauben Sie mir, ein größerer Krieg oder ein großer Terroranschlag gegen die USA in der zweiten
Jahreshälfte würde die Kurse ohne Rücksicht auf die US-Präsidentenwahl purzeln lassen.
Das Anlageverhalten bezüglich der hier geschilderten Effekte, kann man also
weder mechanisch noch grundsätzlich
einsetzen. Es ist mehr eine Hilfe in ruhigen (langweiligen) Zeiten.
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