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Ihr Geld ist nicht weg mein Freund, es hat nur ein anderer

17.04.2003: Satire & Kommentare

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg?

Ende des Irakkriegs Nach nicht einmal 4 Wochen ist die militärische Enthauptung des Regimes in Bagdad vollzogen. Eine formelle Kapitulation ist bei einem derartigen Krieg unmöglich. Der Partner, der die Kapitulation unterschreiben könnte, wurde verdampft. Militärische Scharmützel werden wir wahrscheinlich noch etliche Wochen beobachten. Das ganze Land militärisch zu befrieden stellt noch eine erhebliche Fleißarbeit dar.

Neue militärische Strategie

In Die Kanonen sind aufgestellt hatte baer45 mit heftigen und nachhaltigen Luftangriffen auf militärische Stellungen und die Infrastruktur mit anschließendem Bodenangriff gerechnet. Der Bodenangriff begann jedoch schon mit Kriegsbeginn. Es wurde ein schneller Bewegungskrieg Richtung Bagdad, mit kurzer Unterbrechung wegen Sandstürmen und unter weitgehender Verschonung der Infrastruktur und der Zivilbevölkerung. Die fehlende Nordfront konnte den Vorstoß nicht ausbremsen und die Ölförderanlagen wurden im wesentlichen unzerstört eingenommen. Es war, in der neueren Militärgeschichte, der Krieg mit den geringsten Zertörungen an der Infrastruktur und den geringsten Verlusten unter der Zivilbevölkerung und den Angreifern. Die Verluste auf Seiten der irakischen Armee sind bis jetzt unbekannt.

In der Abschätzung der potentiellen Kriegdauer (1 bis maximal 2 Monate) lag baer45, im Gegensatz zu manchen "Orientexperten", im Wesentlichen richtig. Der Absprung der Türkei, im letzten Moment, hatte ihn überrascht. Auch dass die Amerikaner es so ernsthaft mit einer rechtstaatlichen freiheitlichen föderalen Nachkriegsordnung meinen, überrascht. Die Türken bleiben draußen und die Kurden bekommen wahrscheinlich eine echte Autonomie. Sie, die Türken, gehören auch zu den großen strategischen Verlierer in diesem Konflikt. US-amerikanische Stützpunkte im Irak reduzieren die Wichtigkeit der Türkei mittelfristig und mit den autonomen Kurden haben sie ein nachhaltiges Bedrohungspotential gegen ihre staatliche Einheit direkt an ihrer Grenze.

Den Frieden gewinnen

Die wahre Herkulesaufgabe kommt erst. Der Aufbau eines rechtstaatlichen und freiheitlichen föderalen Iraks mit funktionierender Verwaltung. Ein derartiges Programm ist nicht in Monaten zu schaffen. Es wird Jahre dauern. Zuerst werden wir eine Militärverwaltung der "Koalition der Willigen" erleben. Sie wird mindestens 6 Monate bis ein Jahr andauern. Ihre Aufgabe ist die Versorgung der Bevölkerung mit Strom, Wasser, Lebensmittel, innerer Sicherheit und Verwaltung. Sie startet auch die wesentlichen Wiederaufbaumaßnahmen. Parallel dazu wird eine provisorische politische irakische Übergangsführung auf lokaler, regionaler und zentraler Ebene zu schaffen sein. Sie kann stufenweise mit der Militärverwaltung verschmolzen werden und in den nächsten. 2 Jahren Wahlen auf den verschiedenen Ebenen veranstalten. Dieser Prozess stellt, bei dem innerlich zerrissenen Irak, eine risikoreiche Aufgabe dar. Je mehr Köche sich in diesen Prozess einmischen, um so sicher ist ein Scheitern. Die UNO sollte deshalb aus dem politischen Teil des Wiederaufbaus weitgehend draußen bleiben.

Dieser Krieg hat jetzt schon die Lage im nahen und mittleren Osten dramatisch verändert. Die Amerikaner sitzen, wie ein Stachel im Fleisch, im arabischen Unruheherd und werden ihn auch sobald nicht mehr verlassen. Die neue irakische Regierung wird sicherlich ein Stationierungs- und Schutzvertrag mit den Amerikanern abschließen. Der Aufbau von Militärstützpunkten im Westirak wird politisch unkritisch sein. Die Nachbarn des Iraks, im wesentlichen Syrien, Saudi-Arabien und Irak, werden unter großem militärischen Druck gezwungen werden, die Unterstützung der Terrororganisationen (Hamas, Hisbollah und Islamischer Dschihad) einzustellen. Dies ist eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Lösung des palästinensischen Problems. Sollte auch noch der Frieden im Irak gewonnen werden, wird die neue freiheitliche Ordnung im Irak auf die Nachbarn ausstrahlen und die dortigen Despoten schrittweise zu Reformen zwingen.

Börsen- und wirtschaftliche Aspekte

Spätestens mit dem Beschluss der UN-Resolution 1441 war es den meisten Börsenteilnehmer klar, dass ein potentieller Irakkonflikt kein Gerücht mehr war. Kurze Zeit später schlugen die Aktienmärkte (am deutlichsten der DAX®) den Weg Richtung Süden ein. Wie wir aus dem Chart in der DAX®-Bewertung zum 10.04.03 ersehen können, verlor der DAX® über 30% bis kurz vor Kriegsbeginn. Mit dem Ultimatum von Bush an das Regime in Bagdad verschwand die Ungewissheit aus den Märkten (die Kanonen donnerten schon virtuell) und die Börse zog wieder an. Bis heute konnte sie eine anspruchsvolle Erholung vorlegen, den Verlust allerdings noch nicht kompensieren. Trotzdem gab es zwischenzeitlich manchen Schnäppchenpreis sowohl aus fundamentaler als auch aus technischer Sicht. Die politische Beeinflussung der Börse wird jetzt täglich weiter schwinden und die Teilnehmer werden wieder stärker über wirtschaftliche Nachrichten gesteuert werden. Ob es weiter aufwärts oder wieder seitwärts / abwärts geht hängt von der Qualität dieser Nachrichten ab. Sollte die weitere Befriedung des Iraks jedoch aus dem Ruder laufen, gibt es an den Börsen einen neuen Druck Richtung Süden.

Der Ölpreis hatte nicht die horrenden angedrohten Höhen erreicht und die weltwirtschaftliche Kurzfristschädigung durch diesen Konflikt liegt im wesentlichen im psychologischen Bereich (Konsum- und Investitionszurückhaltung). Der Irak ist wahrscheinlich in der Lage, innerhalb von einigen Wochen, seine alten Ölförderquoten wieder zu erreichen. Mittelfristig ist er in der Lage seine Quoten wesentlich zu erhöhen. Er wird das auch tun, da er einen erheblichen Investitionsbedarf hat. Er wird auch kaum noch Rücksicht auf die OPEC nehmen. Das alles wird sich mittelfristig weiter dämpfend auf die Ölpreise auswirken und damit ein Konjunkturprogramm für die Weltwirtschaft darstellen. Verlierer eines niedrigeren Ölpreises sind im wesentlich Saudi-Arabien (Staatshaushalt - damit kaum noch Geld um fundamentalistische Koranschulen zu unterstützen) und Russland (Förderkosten). Die starke Präsenz der Amerikaner in der arabischen Region wird für regionale Stabilität und damit für eine sicherere Ölversorgung sorgen.

Der Wiederaufbau des Iraks wird, bedingt im wesentlichen durch das UN-Embargo und im kleineren Maße durch die aktuellen Kriegschäden, Milliarden € im dreistelligen Bereich kosten. Diesen Kosten stehen jedoch große privatwirtschaftliche Leistungen entgegen. Deutschland wird wahrscheinlich, wegen seiner Außenpolitik, in der Anfangsphase kaum vom Wiederaufbau profitieren. Es hatte auf die falsche Karte gesetzt und hat verloren.

Auswirkungen auf die weltpolitische Ordnung

Die UNO hat sich bis heute als unfähig erwiesen mit Konflikten umzugehen. Die Zeit im kalten Krieg war alles andere als friedlich - regionale und innerstaatliche Konflikte wurden jedoch weitgehend ignoriert. Es galt die "Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" als hochwertiges Prinzip. Die Welt war aufgeteilt Es sollten direkte Konflikte zwischen den Großmächten vermieden werden. Heute ist nur noch eine Großmacht übriggeblieben. Zwischenzeitlich hat u. A. große Schlachtereien in Afrika, Asien und Europa (Kroatien, Bosnien, Kosovo, Tschetschenien) gegeben. Der Terrorismus wurde immer stärker und hat immer grauslichere Taten vollbracht. Die Uno war jeweils handlungsunfähig. Die heutige Großmacht ist jedoch spätestens mit der Zerstörung des WTC mit dieser Handlungsunfähigkeit nicht mehr einverstanden und handelt unilateral und präventiv. Sie macht sich Vorstellungen von der Welt von morgen und gestaltet diese. Die restliche Welt ist sprachlos und weint der alten Ordnung nach. Die alte Ordnung ist jedoch vorbei und von der UNO werden wahrscheinlich nur noch Unterorganisationen übrig bleiben. Soll die Weltmacht erfolgreich gezähmt werden, muss das Völkerrecht weiter entwickelt werden. Nur wenn präventive Maßnahmen möglich werden, kann ein unilaterales Handeln der USA weitgehend verhindert werden.

Die EU, zerstritten über Milchquoten, wurde durch diesen Konflikt aus einem tiefen Schlaf gerissen. Spätestens seit Kosovo und Afghanistan hätte es klar sein müssen, dass die Welt sich geändert hat. Die Europäer glaubten jedoch, dass mit dem Ende des kalten Krieges die Erde sich nicht mehr drehen würde und die Weltgeschichte auf sie warten würde. Europa hat bis heute keine eigenen Vorstellungen über die Gestaltung der Welt entwickelt. So musste eine zwangsweise Teilung in ein "altes" und "neues" Europa stattfinden. Die einen marschieren mit der Weltmach mit, die anderen bocken weinerlich in der Ecke rum. Während dessen entwickelt sich ein perverser Antiamerikanismus in der europäischen Bevölkerung. Nur ablehnende Reaktionen auf Vorschläge Anderer und das Verharren in der Vergangenheit sind allerdings kein guter Ratgeber um die Union weiter zu Bringen . Deshalb wird diese Entwicklung auch kaum zu einer weiteren politischen Einigung in Europa führen. Europa degeneriert zu einer Freihandelszone und wird ein unwesentlicher Teil der Weltgeschichte werden. Leider. baer45 wäre erfreut, wenn die Europäer doch noch zu einer politischen Einigung finden würden und sich der Globalisierung und den daraus resultierenden Konsequenzen, auch auf dem politischen Terrain, stellen würden.

Der nächste Krieg im Winter?

Kaum war der Krieg militärisch im wesentlichen gewonnen, entstand großer Druck auf Syrien. Dieser Druck wird so lange ansteigen, bis Syrien sich kooperationswillig bei der Terroristenbekämpfung (vor allem eine aktive Bekämpfung im eigenen Land und im Libanon) zeigt. Hoffentlich schätzt die dortige Führung, wie in der Vergangenheit so oft, die Situation nicht falsch ein. Sollte sie glauben, die UNO, Europa oder gar Russland würden sich mit Erfolg schützend vor sie stellen, werden sie einem ähnlichen Irrtum erliegen wie das Regime im Irak. Nur eine breite Kooperation mit den USA , einer sukzessiven Öffnung der eigenen Gesellschaft und ein Rückzug aus dem Libanon kann mittelfristig einen Angriff durch die USA verhindern. Sollten sie Teilen des Irak-Regimes Unterschlupf geboten haben, sollten sie diese schnellstmöglicht ausliefern. Am Anfang steht die politische und wirtschaftliche Isolierung. Dann kommt der Krieg ...... Wenn sie sich nicht ändern, in diesem Winter. Die Amerikaner werden es erstmal ohne Krieg versuchen. Syrien scheint schon kooperationswilliger zu werden.

Solange der Iran sich aus dem Geschehen im Irak heraushält, die finanzielle und logistische Unterstützung von Terrororganisationen einstellt und bald internationale Kontrollen seines Atomprogramms zulässt, hat er mittelfristig nichts zu befürchten. Die USA hoffen aktuell auf eine Demokratisierung des Irans aus eigener Kraft. Auf der angeblich nicht vorhandenen "Abarbeitungsliste" steht Syrien, als direkter Nachbar von Israel, weiter oben als der Iran. Die USA sind, nach eigenen Aussagen, in einen 50-jährigen Kampf gegen den Terrorismus und für eine freie Welt gezogen. Diese Aussagen sind ernst zu nehmen. Auch eine eventuelle Änderung der amerikanischen Administration, nach den nächsten Präsidentenwahlen, wird die Strategie nicht grundlegend ändern. Es wird also noch zu vielen Kriegen und zu vielen kriegsähnlichen Auseinandersetzungen kommen. Ob Europa irgendwann, in den nächsten 50 Jahre, mitbestimmen wird? Der Unilateralismus der USA kann mittefristig nur durch Europa gestoppt werden.

Nicht auszuschließen ist, dass sich sowohl Syrien als auch der Iran öffnen und friedlich in der Region mit anderen Staaten zusammen arbeiten werden. Dann wäre der Sieg über den Irak nicht nur "ein Sieg der Freiheit" sondern auch des "Friedens" gewesen. Den Menschen in dieser Region kann man Letzteres nur wünschen.


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