Man muss sich die Börse als grasende Herde vorstellen
15.05.2004: Strategien
Langfristige Spekulationen
"Kaufen Sie sich sichere Aktien, an die sie glauben, und nehmen Sie sich eine
Schlaftablette für die nächsten 10 Jahre!" war wohl der größte Irrtum des
Altmeister André Kostolany. Er hat schließlich mit Derivaten und Aktienspekulationen
mehrmals Pleite gemacht und ist mit deutschen Staatsanleihen (Vorkriegsware,
die keiner mehr haben wollte) reich geworden. "Aktien lohnen sich langfristig
immer" ist eine weitere weit verbreitete Devise. Aber stimmen diese Aussagen?
Wenn man die vergangenen 20 Jahre zurückblickt, stellt man fest: "Auch DAX®-Werte
können enttäuschen. Und gerade langfristig orientierte Anleger verlieren
viel Geld, wenn sie den falschen Zeitpunkt für Kauf und Verkauf erwischen".
Diese Abhandlung lehnt sich an den Artikel "Die Illusion der Herde"
aus der Süddeutschen Zeitung,
von Markus Zydra vom 14.5.2004 an. Die Charts stammen auch aus diesem Artikel. Hier soll nicht der Stab über mittel- und langfristige Spekulationen
gebrochen werden. Es sollen nur die Gefahren verdeutlicht werden, die auch in dieser
Anlageart liegen.
Blick zurück
Langfristig orientierte Anleger bleiben von der gegenwärtigen Unsicherheit an den
Kapitalmärkten meist unberührt. Sie haben ja in "gute" Werte investiert und verneinen, dass sie
Spekulanten seien. Dabei spekuliert jeder Anleger mit der Zukunft - auch der Sparbuchsparer.
"Auf lange Sicht kann man vorallem mit den Standardtiteln im DAX® nicht viel falsch machen",
heißt es oft. Wirklich? Die Vergangenheit lehrt etwas Anderes. Wir betrachten deshalb hier die
verflossenen 20 Jahre mit einem besonderen Blick auf die heutigen DAX®-Teilnehmer. Ein enttäuschendes
Beispiel ist etwa die Aktie der Commerzbank. Deren Wert hat sich die vergangenen 20 Jahre
zwar um fast 87% vergrößert, doch im Frühjahr 2003 fiel das Papier sogar unter den Wert, den es vor
20 Jahren hatte. Die Gesamtperformance dieses Titels ist miserabel und wurde durch jede
konservative Geldanlage geschlagen. Auffallend ist: Die meisten DAX®-Werte erlebten von
1986 bis 1996 eine Seitwärtsbewegung. Und viele Unternehmen, wie etwa die Allianz, purzelten
im Frühjahr 2003 auf den Stand von 1987/88. Positive Ausnahmen sind z.B. Schering und BMW
(Tabelle).
Der Blick zurück offenbart: Man kann mit Aktien viel Geld verdienen, doch man muss
den richtigen Ausstiegszeitpunkt wählen. Treue gegenüber einer Aktie ist keine gute Eigenschaft.
Auch unter Einbeziehung der Dividenden kann der reale Aktienertrag über einen langen Zeitraum hinweg
negativ ausfallen - auch bei Blue Chips.
Vom Vorzeigewert zur Pleite
Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman und seine
Kollegen aus der Behavioral Finance-Forschung haben belegt, dass Investoren dazu neigen,
Buchverluste in Aktien nicht wahrhaben zu wollen und sie lieber "aussitzen", statt die Titel zu
verkaufen und sich damit größere Verluste zu ersparen. Das heißt: Aktien von DaimlerChrysler
verloren bereits seit 1999 an Wert, aber die meisten Anleger hielten den Titel und hofften auf vergangene
Kursausreißer nach oben.
Man sieht: Der Prozess der schöpferischen Zerstörung in einem
Wirtschaftssystem macht auch vor bekannten Traditionskonzernen nicht halt. Ein Blick
auf die Mitgliederliste des DAX® von 1988, als der Index erstmalig notierte, zeigt, dass
auch namhafte Aktien vom Kurszettel verschwinden können. Der ehemalige Vorzeigekonzern
Deutsche Babcock, der seit 1999 als Babcock Borsig firmiert, ist insolvent. Nixdorf,
praktisch am Ende, wurde 1990 von Siemens übernommen und kommt jetzt zum Teil, 14 Jahre später,
als Wincor Nixdorf wieder an die Börse. Die deutsche Feldmühle ging an den schwedischen
Papierkonzern Stora, der Pharmariese Hoechst wurde im DAX® zunächst von Fresenius Medical Care
verdrängt und dann weiter verschmolzen, zunächst zu Aventis und jetzt mit Sanofi Synthélabo.
Bayerische Vereinsbank und Hypobank fusionierten zur HBV, die Allianz schluckte die Dresdner Bank -
man könnte die Liste beliebig fortsetzen.
Und was ist mit dem DAX® selbst? Gestartet Anfang 1988 bei 1000 Punkten sprang das
Barometer im Jahr 2000 über 8000 Zähler, fiel dann bis 2003 auf 2200 Punkte und kämpft jetzt seit
fast einem halben Jahr mit der 4000er-Marke. Das sind beachtliche Schwankungen
(siehe auch den historischen Chart). Ist dies Börsenentwicklung
Ausdruck ökonomischer und damit fundamentaler Veränderungen? "Die Internetblase hat
den Glauben zerstört, dass Preise fundamentale Werte reflektieren" sagt Richard Thaler
von der Universität Chicago, ein führender Vertreter der Behavioral Finance. "Die amerikanische
Nasdaq ist von 1500 auf 5000 Punkte gestiegen und dann wieder auf 1500 gefallen. Keiner kann
beweisen, ob das eine oder das andere richtig war, aber beides kann nicht richtig sein, so stark
hat sich die Welt 1998 bis 2002 nicht verändert".
Das richtige Zeitfenster
Das Geschehen an der Börse scheint also kaum kalkulierbar. Kein rationaler Homo Oeconomicus
führt hier Regie, sondern die menschliche Psychologie. Bernard Ruffieux, Volkswirt an der Universität
Grenoble, hat in Experimenten mit Versuchspersonen bestätigt: An den Börsen herrschen irrationale Zustände
mit immer demselben Muster. Die Preise steigen über den fundamentalen Wert, um dann abzustürzen.
Ob schwarzer Freitag oder Neuer Markt - die Blasenbildung an der Börse sei systemimmanent und nicht zu
vermeiden.
Für die Anleger bedeutet das: Auch langfristige Aktieninvestitionen sind gefährlich,
wenn man das falsche Zeitfenster für Kauf und Verkauf erwischt. Wer einen DAX® nahen Fonds im März 2000
kaufte, wird noch lange in den Miesen bleiben, obwohl damals immer neue Prognosen für weitere
Höchststände kursierten. Der Verstand scheint in solchen Situationen ausgeblendet. Wie der
amerikanische Börsenexperte Robert J. Shiller schreibt, sind die Menschen eher bereit
der Ansicht der Mehrheit zu folgen, als den Tatsachen zu glauben, die sie selbst ermittelten.
An der Börse ist das oft ein Fehler: Man sollte nie unterschätzen, wie irrational sich die Masse
der Anleger verhalten kann.
Zwanzigjährige Entwicklung der heutigen DAX®-Werte
Die in der nachfolgenden Tabelle aufgeführten DAX®-Werte sind zu den Schlusskursen
vom 11.5.1984 gekauft und zu den Schlusskursen vom 12.5.2004 verkauft worden. Es geht also
um eine langfristige Anlage von über 20 Jahren. Die Tabelle gibt die Rendite
für diesen Zeitraum wieder.
Nicht berücksichtigt sind dabei (Veränderung in % respektive Zinssatz per Annum in %) die
ausgezahlten Dividenden. Dividenden können jedoch einen erklecklichen Anteil an der
Gesamtperformance ausmachen. Um Titel, die kaum oder wenig Dividende zahlen mit Titeln,
die im Regelfall eine hohe Dividende zahlen, vergleichen zu können, müssten die Dividenden, nach Steuern, in
die jeweiligen Titel reinvestiert werden. Wird in der Praxis kaum gemacht - ist jedoch die
einzige Möglichkeit für einen theoretischen Vergleich. Inklusive Dividenden wäre die
Performance der Firmen in dieser Tabelle höher und die Rangfolge leicht anders. Bei extremen
Kurszusammenbrüchen würden natürlich die reinvestierten
Dividenden zum Teil mit vernichtet. Die Unterschiede zwischen den Spitzenreitern
und denjenigen am Ende des Feldes wären also noch größer. Verdeutlichen soll diese Tabelle, die doch
erheblichen Unterschiede, die bei langfristigen Spekulationen entstehen können. Nicht aufgeführt
sind hier Firmen, die in dieser Zeit Pleite gingen und damit einen Totalverlust erzeugten.
Nicht direkt vergleichbar, jedoch trotzdem interessant sind nachfolgende
Investitionen im gleichen Zeitraum. Eine Investition in ein fiktives DAX®-P-Zertifikat
(1984 noch nicht verfügbar - der DAX® entstand erst Anfang 1988) hätte eine Rendite per Annum (Zinssatz) von 8,25%
gebracht. Ein Investition in den REXP (
) eine Rendite von 7,34%. Eine jährliche Geldanlage
jeweils zu den aktuellen Konditionen der
hätte einem Zinssatz von
6,05% entsprochen. Bei einer Anlage in langlaufende sichere Anleihen wäre
es in diesem Zeitraum möglich gewesen, den DAX® zu schlagen (vor Steuern).
Name
Kaufkurs in € am 11.5.1984
Verkaufskurs in € am 12.5.2004
Veränderung in % in 20 Jahren
Zinssatz in % per Annum
ALTANA AG O.N.
3,80
51,08
1244,21
13,86
SCHERING AG O.N.
5,10
43,53
753,53
11,31
MUENCH.RUECKVERS.VNA O.N.
10,11
83,10
721,96
11,10
BAY.MOTOREN WERKE AG ST
4,40
34,48
683,64
10,83
E.ON AG O.N.
8,35
53,45
540,12
9,72
CONTINENTAL AG O.N.
6,34
34,63
446,21
8,85
BASF AG O.N.
8,28
40,74
392,03
8,29
SIEMENS AG NA
12,78
56,51
342,18
7,71
RWE AG ST A O.N.
7,98
34,86
336,84
7,64
ALLIANZ AG O.N.
20,12
81,99
307,50
7,27
VOLKSWAGEN AG ST O.N.
9,00
35,05
289,44
7,03
MAN AG ST O.N.
7,38
27,51
272,76
6,79
DEUTSCHE BANK AG NA O.N.
17,65
64,60
266,01
6,70
THYSSENKRUPP AG O.N.
4,16
13,37
221,39
6,01
LINDE AG O.N.
14,58
42,46
191,22
5,49
BAYER AG O.N.
8,65
21,10
143,93
4,56
LUFTHANSA AG VNA O.N.
5,97
11,99
100,84
3,55
COMMERZBANK AG O.N.
6,91
12,88
86,40
3,16
TUI AG O.N.
10,38
16,90
62,81
2,47
BAY.HYPO-VEREINSBK.O.N.
11,43
13,24
15,84
0,74
Unter anderem wegen Kapitalmaßnahmen oder weil die Gesellschaften erst
später entstanden respektive an die Börse gegangen sind, ist eine
Zurückrechnung und damit Tabellenaufnahme für die
nachfolgenden 10 DAX®-Teilnehmer nicht möglich:
ADIDAS-SALOMON, DAIMLERCHRYSLER, DEUTSCHE BOERSE,
DEUTSCHE POST, DEUTSCHE TELEKOM, FRESENIUS MEDICAL CARE, HENKEL,
INFINEON, METRO und SAP.
Auch nicht alle Firmen, die in der Tabelle enthalten sind, gehörten vor 20 Jahren zu den
deutschen Schwergewichten. Manch Anderer gehörte dazu, stieg ab und kam wieder.
Schlussfolgerungen
Man wird an der Börse weder sein Geld im Schlaf noch im Traum verdienen. Es wäre
auch zu einfach und würde von jedem praktiziert werden. Geld an der Börse zu verdienen ist
harte Arbeit - auch für den Langfristanleger. Wer diese Arbeit scheut, sollte weder
direkt noch indirekt an der Börse tätig werden. Vergessen Sie auch Ihren Bankberater. Er will
Umsatz mit Ihnen machen - egal wie das Zeitfenster gerade steht.
Ein wichtiger Aspekt, bei der Geldanlage in Aktien ist die Geduld.
Es gibt keinen rationellen Grund unbedingt Aktien besitzen zu müssen. Sie müssen warten bis sich
das Zeitfenster öffnet (d.h. die Märkte abstürzen). Um diese Situation zu erkennen, müssen Sie
die Märkte (Firmen) regelmäßig verfolgen um die Situation der Unterbewertung erkennen zu können.
Wenn das Kauffenster weit offen ist, ist die Stimmung mies und es wird von der Aktienanlage
abgeraten. Sie brauchen dann eine Untermauerung Ihres Mutes mit den fundamentalen Daten, um
die allgemeine Stimmungslage ignorieren zu können.
Kaufen ist einfacher als Verkaufen. Legen Sie sich schon vor dem Kauf die Regeln
für den Verkauf fest - sowohl um die Gewinne zu realisieren als auch um die Verluste zu begrenzen.
Halten Sie sich dann auch an Ihre Regeln. Derartige Regeln sollten umfangreicher als ein
technischer "Stop Loss" sein. Sie müssen nämlich berücksichtigen, dass Sie niemals den optimalen
Kauf- respektive Verkaufszeitpunkt erwischen werden. Um einen guten Verkaufszeitpunkt zu finden,
kann wiederum die fundamentale Bewertung sinnvoll sein. Je stärker die Überbewertung umso näher rückt
der Verkaufszeitpunkt.
Der Verkaufszeitpunkt kann recht bald nach dem Kauf kommen (verspekuliert)
oder es kann auch Jahre dauern. Während dieser Zeit ändern sich die Firmen. Eine Allianz
vor dem Kauf der Dresdner Bank war eine andere Firma als nachher. Die heutige TUI ist nicht
mehr die Preussag von vor 10 Jahren. Diese Änderungen und andere Einflüsse nötigen uns
immer wieder unsere Investments zu bewerten. Vergessen Sie das Schlafen.
Betrachtet man die 20-jährige Tabelle, kommt man schnell
zum Schluss, dass ein Investment in den gesamten Index nicht schlecht wäre. Trotzdem
müssen Sie die Einzelwerte (Schwergewichte) des Index beobachten. Haben Sie den Index über ein
Indexzertifikat gekauft, müssen Sie den Herausgeber dieses
Zertifikates im Auge behalten. Der Index entwickelt sich gut aber Ihr Herausgeber geht pleite und Sie
erleiden einen Totalverlust.
Eine langfristige Anlage kann also verdammt viel Arbeit machen und
schon kurzfristig zu Ende sein.