| Vor dem Boom und nach dem Krach herrscht große Stille |
10.08.2002: Strategien
Das Ei des A. Kostolany
A. Kostolany, inzwischen im Spekulantenhimmel, hat viel
über das Börsengeschehen geschrieben. Er hat sich
intensiv mit dem Markettiming auseinandergesetzt. Hier die
kompakteste Darstellung des alten Querdenkers. Sie war
Bestandteil vieler Veröffentlichungen u.A. im
Econ Verlag.
Und nun der alte Meister:
Meiner Erfahrung nach besteht jede zyklische Bewegung (bei
Aktien, Anleihen, Edelmetallen, Währungen, also in allen
Märkten, auf denen spekuliert wird) aus drei Phasen:
die Phase der Korrektur, die Phase des Stimmungsumschwungs
und die Phase der Übertreibung.
Nehmen wir als Beispiel die Wende nach der tiefsten Baisse:
-
In der ersten Phase der Korrektur wird der Kurs (der
unberechtigt tief gefallen war) ganz allmählich auf
ein Niveau gehievt, das gewissermaßen realistisch und
berechtigt ist.
-
In der zweiten Phase bessert sich die zuvor schlechte
Stimmung mehr und mehr und steigt nun zusehends mit jedem
Tag.
-
Es beginnt die dritte Phase, in der die Aktienpreise von
Stunde zu Stunde anziehen. Kurse und Stimmungen treiben
sich gegenseitig in die Höhe. Es herrscht Euphorie.
Sie lässt die Kurse weiter ins Kraut schießen
und ist ausschließlich von Massenhysterie
bestimmt.
Im Zyklus der nächsten Baisse folgen die Phasen in
derselben Reihenfolge aufeinander:
-
Phase der Korrektur - die Preise waren zu hoch
gestiegen.
-
Phase des Stimmungsumschwungs - ungünstige Ereignisse
(steigende Zinsen, nachlassende Wirtschaft, Pessimismus und
so weiter) verunsichern die Spekulanten.
-
Phase der Übertreibung - die sinkenden Kurse erzeugen
einen tiefen Pessimismus, der wieder auf die Preise
drückt. Die Kurse fallen wie die Blätter im
Herbst. Das ist die Panik, die Papiere werden
verschleudert.
Die Baisse- oder Hausse- Welle der letzten Phase dauert immer
so lange, bis ein psychischer Elektroschock aus irgendeiner
Richtung den Teufelskreis durchbricht. Wenn dieser reinigende
Schock nicht kommt, dann tobt sich diese letzte, rein
psychologisch bedingte Phase an den Märkten langsam aus.
Und eines Tages wendet sich die Börsentendenz ohne jeden
erkennbaren Grund zur Überraschung des Publikums und sogar
der Experten, die darauf nicht vorbereitet sind. Nun beginnt
die zyklische Gegenbewegung. Das ist die ewige Rotation an der
Börse - so wie in der Natur Ebbe und Flut einander
abwechseln. Die Gründe für das Gezeitenspiel: Es gibt
zwei Arten von Aktienbesitzern, die Hartgesottenen und die
Zittrigen. Ihre Entscheidungen sind das Ergebnis der drei
großen G.
Das erste G steht für Geld, das zweite
für Geduld und das dritte für Gedanken.
Unter Geduld verstehe ich die Nerven, nicht auf jedes kleine
Ereignis heftig zu reagieren. Wer Gedanken hat, handelt
intellektuell - nicht unbedingt richtig oder falsch, aber doch
mit Überlegung und Vorstellungskraft.
Es genügt nicht, Geduld zu haben, wenn man über kein
Geld verfügt. Geld allein nützt auch nichts, wenn man
keine Geduld hat. Und wenn man keine Geduld hat, kann man nicht
abwarten, bis sich die Gedanken verwirklichen. Und wer keine
Gedanken hat, kann auch mit Geduld nichts anfangen.
Diese drei G sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn
eines von ihnen fehlt, ist der Börsenteilnehmer ein
Zittriger. Er reagiert zu schnell auf jedes noch so
unbedeutende Ereignis. Er hat keine Vorstellungskraft und
handelt somit nicht mit dem Kopf, sondern rein emotional.
Kaufen die anderen, kauft er auch; verkaufen sie, verkauft auch
er. Er ist ein Molekül der Masse und handelt mit ihr (die
"verrückte Menge", wie Sir Isaac Newton, auch
leidenschaftlicher Spekulant, sagte).
Die große Frage besteht also darin, in welchen
Händen die große Masse der Papiere liegt. Besitzen
die Hartgesottenen den größten Teil der Aktien, ist
die Börse - sogar wenn die Nachrichten ungünstig
ausfallen - zu einer Aufwärtsbewegung bereit. Wenn eine
gute Nachricht eintrifft, explodiert sie sogar. Ist jedoch das
Gros der Papiere in den Händen der Furchtsamen, kann es
schon bei der ersten schlechten Nachricht zu einem Debakel
kommen.
Fallen die Kurse bei steigenden Umsätzen, ist es ganz
sicher, dass eine Riesenquantität von Aktien von den
Ängstlichen zu den Nervenstarken übergeht. Es kommt
sogar zu einem Moment, in dem die Zittrigen ausverkauft haben
und die Aktien nur noch in den sicheren Tresoren der
Hartgesottenen liegen. Jetzt haben die Zittrigen das Geld und
die Abgebrühten die Papiere.
Wenn nach dem generellen Ausverkauf die Kurse einen Boden
finden und dort eine Zeit lauern und sogar auf schlechte
Nachrichten hin nicht zurückfallen, ist das ein Beweis,
dass der Markt bereit ist zu einer neuen Aufwärtsbewegung
- auch ohne gute Nachrichten.
Dutzende von Beispielen können diese Theorie untermauern,
die vom Anleger verlangt, sich antizyklisch zu verhalten. Das
ist leicht gesagt, aber schwer getan. Man muss dazu ein
wirkliches Training absolvieren, einen starken Charakter haben
und vielleicht sogar zynisch sein, um bei zu Tode
betrübter Stimmung einzusteigen.
Es gibt unter den Marktteilnehmern 90 Prozent Zittrige
und maximal zehn Prozent Hartgesottene. Das sagt mir
jedenfalls meine Erfahrung.
"Sie ist halt wert, was sie wert ist", wie der große
General Charles de Gaulle so oft sagte.
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Kaufen sollte man schon in der Übertreibungsphase
der Abwärtsbewegung, wenn hohe Umsätze auf
Panikverkäufe schließen lassen; aufstocken
kann man diese Positionen in der ersten Phase der
Aufwärtsbewegung, solange es mit niedrigen
Umsätzen abgeht.
Umgekehrt verkauft man schon in die letzte Haussephase
mit hohen Umsätzen sowie bei bröckelnden
Kursen (erste Baissephase) mit niedrigen Umsätzen.
Folglich soll man in den Übertreibungsphasen gegen
die Tendenz gehen, in den Korrekturphasen mit der
Tendenz mitgehen und in den Phasen des
Stimmungsumschwungs ruhig abwarten.
Um im Bild zu bleiben: Die Börsenmanöver
eines erfahrenen Spekulanten zielen darauf ab, das Ei
möglichst weit unten (beim Kauf) und oben (beim
Verkauf) abzukappen, ohne sich dabei in den Finger zu
schneiden.
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Eine Leseprobe aus Kostolanys beste Tips für Geldanleger...., erschienen im
Econ Verlag
(ISBN 3-430-15629-7). Und wie passt die aktuelle Situation zum
Ei?
Hier eine kleine subjektive Ortsbestimmung:
"Es ist schon ruhig geworden. Viele Schreier sind verstummt.
Der Pessimismus steigt täglich. Finanzzeitschriften
schließen. Broker verlieren ihren Arbeitsplatz. Die Kurse
fallen. Bild warnt vor der Aktienanlage. Wir sind schon weit im
Süden! Wann kommt das Erreignis, das den der finalen
Ausverkauf einleitet. Im Herbst/Winter (Irakkrieg, große
Pleite im Finanzsektor, ...) oder nie? Der
Sommerschlussverkauf fand diesmal auch an der Börse statt!
Ob die Aktien im Winterschlussverkauf billiger sein werden? Der
Euphorie sollte man allerdings nicht verfallen. Wir sind
wahrscheinlich schneller wieder in der Verkaufsphase als man
denkt. Ich glaube, es geht unter sehr hoher Volatilität
(Unterer DAX®-Bereich: 2500 bis 3500 - Oberer DAX®-Bereich: 5500
- 6500) lange seitwärts. Ein panikartiger Ausverkauf
bringt uns natürlich kurzfristig viel weiter nach
Süden."
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